Future Commerce Blog

Future Trends – 9 Gründe für die Kluft zwischen Potential und Umsetzung

In meinem Vortrag auf dem Deutschen Online-Handelskongress e-Tailx am 9.5. in Frankfurt habe ich über Future Trends gesprochen und warum es aus meiner Sicht eine große Kluft zwischen Potential und Umsetzung gibt. Wer das Netz regelmäßig nach Trends und Innovationen in (e)Commerce und Retail durchforstet, findet enorm viel Futter.

Wer dann den Schritt in die freie Wildbahn wagt, wird vermutlich enttäuscht sein – es gibt (auch mit reichlich zeitlicher Verzögerung) erstaunlich wenig davon zu sehen.

Warum ist das so? Hier sind 9 Gründe zusammengefasst, die ich in Frankfurt vorgestellt habe:

 

1. Die isolierte Lösung
Es gibt für alles eine Applikation – für wirklich fast alles. Und genau das ist ein Problem, wenn Lösungen sich im oberen Genialiätsbereich befinden, aber nur in einem sehr eng begrenzten Anwendungsraum funktionieren. Nichts gegen eine Fokussierung oder Spezialisierung. Sie kann aber den Weg in die freie Wildbahn verhindern…
2. Die Alternativenvielfalt
So schön es tatsächlich ist, wenn es ein Vielzahl von (technischen) Möglichkeiten gibt, dem Kunden mehr Services und mehr Kaufanzreize zu bieten und dadurch letztendlich mehr Umsatz und hoffentlich auch Gewinn zu machen. Diese Alternativenvielfalt stellt den Händler (Online oder Offline spielt hier keine Rolle) vor ein massives Entscheidungsproblem.

Die Alternativen müssen bewertet und eine Entscheidung (unter großer Unsicherheit) muss getroffen werden. Die entscheidung für eine Alternative bedeutet gleichzeitig meistens die Entscheidung gegen alle anderen Alternativen, da die humanen und finanziellen Ressourcen begrenzt sind. Zu viele Alternativen führen zu weniger echten Entscheidungen als Situationen mit wenigen Alternativen.

 

3. Das “Mobile” Problem
ist nicht ausschließlich ein Mobile-Problem. Es lässt sich nur sehr als Beispiel für die Relevanz eines Phänomens oder Trends heranziehen.
In einem früheren Beitrag (Mobile Commerce – Trend, Hype oder Diaspora?) haben wir dieses “Problem” schon angesprochen: Selbst wenn alle Einwohner über 14 Jahren ein Smartphone haben, werden immer noch zwei Drittel damit hauptsächlich Spielen, Musik hören oder soziale Netzwerke frequentieren. Und nicht jeder, der eine Shopping-, LBS- oder AR-Applikation herunterlädt, benutzt sie auch (regelmäßig). Es empfiehlt sich sozusagen ein “Funnel-Blick”…

 

4. Die Herde
Wer macht gerne den ersten Schritt und läuft Gefahr sich mit einer (unausgereiften) Lösung oder Umsetzung zu blamieren? Viele sind es nicht.
Was häufig für Individuen gilt, gilt mindestens in gleichem Maße für Organisationen: Man schaut, was der Marktbegleiter (Nachbar) so macht, oder was der Verband empfiehlt. Am liebsten werden dann Best Practices oder vermeintlich erprobte Konzepte übernommen.

So lange schaut man links und rechts über die Schulter, ob sich wer aus der Herde bewegt. Erst wenn genug Mitglieder rennen, rennt man mit. Bis es soweit kommt passiert erst einmal nichts.
5. Mauern statt Windmühlen
Ein chinesisches Sprichwort sagt: Wenn Sturm aufzieht, gibt es Menschen die Mauern bauen und andere Menschen, die Windmühlen bauen.
So ist es auch in Unternehmen – und nach meiner Meinung besonders ausgeprägt im klassischen Versandhandel und im Stationärhandel. Technologische Veränderungen und Innovationen oder Veränderungen in den Ways-of-Working durch neue Player führen eher dazu, dass man sich in den vermeintlich sicheren Kreis der Seinesgleichen zurückzieht – und Chancen ignoriert.
6. Die Alt-Systeme
Selten hat ein Händler die Möglichkeit sein Geschäft vollständig neu auf der grünen Wiese zu bauen. Irgendeinen Geschäftsbereich gibt es immer. Und je älter dieser ist (was grundsätzlich auch für die Systeme gilt) desto mehr Bestandsschutz genießt dieser – niemand will alte Entscheidungen in Frage stellen. Das führt dazu, dass (alle technischen) Neuerungen sich an die Altsysteme anpassen müssen. Schnittstellen und Prozesse werden so “justiert”, dass neue Module, die neue Software schön mit den Alt-Systemen harminiert. Nur leider sind Aufwand und Kosten dann wieder so hoch, dass sich alle irgendwann einig sind: “Schön, dass wir darüber geredet haben”.
7. Kurzfristige Ziele
Wer an seinen Quartals- und/oder Jahresergebnissen gemessen wird, wird zustimmen, dass eher die Projekte angegangen und die Investitionen getätigt werden, die kurzfristige Erfolge zeigen. Solche, die spätestens innerhalb eines Jahres Auswirkungen haben oder spätestens innerhalb der 2-3 jährigen Vertragslaufzeit des zuständigen Vorstands. Risiko- und Innovationsfreude finden hier ihren Hemmschuh.

8. Zu geringer Druck
Es ist noch immer gut gegangen. Getreu dem Kölschen Motto wird das Tagesgeschäft erledigt, Tendenzen in in den KPIs (welche das auch immer sein mögen) werden nicht erkannt oder entsprechend verargumentiert. So lange der Cash Flow stimmt und Rechnungen und Löhne gezahlt werden können, scheint alles in Ordnung.
Erst wenn ein Kollege von Peter Zwegat vor der Tür steht, wird der Handlungsbedarf erkannt. Nur jetzt ist für Trends und Innovationen so gar keine Zeit mehr.
Was für Frösche in Kochtöpfen gilt, scheint für Organisationen nicht ganz abwegig zu sein: Erhöhe die Temperatur ganz langsam und der Frosch fühlt sich so lange wohl bis er gekocht wird.
9. Der Kunde
Wenn bis hierher alles gut gegangen ist und ein Trend, eine Innovation den Weg in das wirkliche Leben geschafft hat, gibt es immer noch eine letzte Instanz: Die letzte und wichtigste Instanz: Der Kunde. Er entscheidet, ob sich alle Mühen wirklich gelohnt haben.

 

 

Comment (1)

  1. September 3, 2012 - 8:38 - von Internet – Nein Danke! – future commerce

    […] In meinem Vortrag auf dem diesjährigen Deutschen Online Handels-Kongress im Mai habe ich über Innovationen / Trends gesprochen. Und über die Verhinderungsgründe. […]

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