Future Commerce Blog
NC14

NEOCOM 2014 recap – Oder: Was war los in Düsseldorf?

Trends, Zukunft und auf der Fläche

Es sollte auf der NEOCOM 14 zu einem nicht unerheblichen Teil um (Digitale) Trends und die Zukunft des (Versand-) Handels gehen. Auf der Fläche waren es auch in diesem Jahr (und das ist absolut nicht ungewöhnlich für Kongresse dieser Größe) dann doch mehr die aktuellen und akuten Herausforderungen der Händler und Dienstleister. Wer fliegende Schweine und Sonnenuntergänge oder Teleportation in der Paketzustellung erwartet hat, dessen Erwartungen mussten unerfüllt bleiben.

Ganz andere Herausforderungen!

Einen deutlichen Hinweis auf die Herausforderungen der Gegenwart lieferten die Gewerkschaft ver.di. Am ersten Konferenztag – Ralf Kleber stand auf der Agenda – protestierten und demonstrierten Gewerkschaftsmitglieder (den Warnwesten zufolge wird es sich tatsächlich um Mitglieder gehandelt haben) dem Vernehmen nach gegen die Arbeitsbedingungen in (einigen) Amazon-Lägern. Das ist Realität und eine Fragestellung, mit der wir uns wahrscheinlich in Zukunft stärker auseinander setzen müssen: Der Mensch. Der Mensch, der Handel (und Service) erst ermöglicht. Und das ist nicht allein der Kunde.

Die Hallen selbst sind immer noch erfüllt von Multi-Channel, Social, Local und Mobile – also immer noch die alten Themen; die Dauerbrenner seit vielen Jahren (Komischerweise habe ich von den Beacons so gut wie nichts gesehen oder gehört).

Aus meiner Sicht ist das ein Beleg für die immer noch große Diskrepanz zwischen technischer Machbarkeit und der tatsächlichen Umsetzung und Verbreitung. Und mindestens ein Indiz für eine anhaltende Skepsis oder Ratlosigkeit des (Distanz-) Handels. Es wird viel geredet, wenig umgesetzt.

A propos reden – worüber wurde geredet?

Klar, Erfolgsgeschichten und Best Practices. Das gehört nun mal auf eine Konferenz. Man will ja zeigen, was man hat. Und kann. Und das ist auch gut so.

Wohltuend und erfrischend, weil offen und ehrlich waren die Aussagen von Rene Köhler (internetstores) und Carina Stammermann (MyParfum). Sie sprachen offen über Versuch und Irrtum (im Expansionsbestreben), Scheitern und Neubeginn. Darüber, dass das (Geschäfts-)Leben nach einer Insolvenz keinesfalls vorüber ist – vor allem, wenn man begeisterte und treue Kunden hat. Und darüber, dass man sehr gut aus Fehlern lernen kann und soll. Geschäftlicher Erfolg ist eben nicht immer komplett durchplanbar – Konzepte hin, Konzepte her.

In eine ähnliche (oder aus einer ähnlichen) Richtung rief auch Ralf Kleber (Amazon), der sinngemäß sagte (in Bezug auf den Kindle): Man baut das, was der Kunde als wichtig erachtet, probiert aus und kann / darf scheitern, wenn man aus Fehlern lernt.

Schließlich empfahl Lawrence Michael von der GfK, dass Marken, Händler und Kunden Freunde werden sollten. Jedenfalls dann, wenn man in Zukunft erfolgreich sein und erfolgreiche Kundenbeziehungen aufbauen und erhalten will.

Sehr menschlich – und sehr nah an dem, was ich Realität nennen würde.

Zufälle

Aufgemerkt! Bei aller Digitalisierung und allen Bestrebungen das Verhalten “des” Kunden vorherzusagen und ihm immer genau das anzubieten, was er gerade braucht, blitzten alte Bekannte auf: Die Prinzen von Serendip. Oder besser gesagt: Die nach ihnen benannte Serendipität und damit das Zulassen des (glücklichen) Zufalls.

Für Handel und Kunden und überhaupt heisst das: Es wird wieder Überraschungen geben. Was “der” Kunde wann und wie braucht lässt sich Dank Big Data gut prognostizieren. Miriam Meckel erwartet, dass eines der nächsten grossen Dinger die Überraschung ist. Händler und Marketer werden den Kunden mit Angeboten überraschen, von denen er selbst überrascht ist oder überrascht wird wird. Big-Data-gesteuerte Zufälle sozusagen.

Damit erlebt das Stöbern und Entdecken quasi eine Renaissance. Und ich würde sagen: Die Technik wird zum menscheln gebracht.

Megatrends

Und damit sind wir bei den Megatrends angekommen. Sie lauten nach Ansicht von Miriam Meckel:

1. Big Data
Was nun keine wirkliche Überraschung ist – unabhängig von der Tatsache, dass man auf die Frage was jemand denn so unter Big Data versteht von 5 Befragten mindestens 7 Meinungen bekommt.

2. Transparenz
Ja, der Mensch – und besonders der vernetzte Mensch – wird zusehends transparenter. Gewollt oder nicht gewollt. Mit dem Megatrend Transparenz zielt Frau Meckel allerdings auf die gewollte und gesuchte Transparenz. Menschen geben gerne alle möglichen und unmöglichen Informationen von und über sich Preis. Und das soll mehr werden – lädt selbstverständlich positiv auf Megatrend 1: Big Data.

3. Customer Convenience
Der Kunde soll es bequem, einfach (und sicher) haben. Es bleibt zu ergänzen, dass “der” Kunde immer entscheidet, was er für convenient hält. Trend 2 und 1 können dabei unterstützen, genau das zu erkennen. Ein sich selbst ernährender Mega-Trend-Zirkel. Sozusagen.

4. Virtual Payment
Das kann man so stehen lassen. Mit der Ergänzung: Deutschland braucht noch etwas Zeit. Etwas mehr Zeit..

5. Augmented Reality
Nun, neu ist auch das nicht. Ich würde weiter gehen und Virtual Reality sagen – in einer deutlich weiteren und umfassenderen Definition als bisher. Augmented Reality halte ich für keinen Mega-Trend. Virtualität dafür schon.

Nicht zu vergessen: Es gab Preise!

Den NEO (die älteren unter uns kennen den Vorgänger mit Namen “Versender des Jahres”) bekam in diesem Jahr erstmalig IKEA.

Der Katalog des Jahres B2C kommt von ELV aus Leer, Varia Living erhält den Preis für den besten Katalog B2B und kiveda jenen für den besten Online-Shop des Jahres

Der StartUp-Award ging übrigens an Stickvogel.

Und sonst so?

Was die Neocom schon ist – mindestens auf dem Weg dort hin und auf einem guten: Branchentreff zu sein. In diesem Jahr war es erfreulich zu sehen, dass sehr viele “alte Hasen” unter den Teilnehmern und Besuchern waren. Angereichert durch Baseball-Kappen und Hipster-Bärte. Und es sah so aus, dass sich alle vertragen und neugierig auf den anderen sind.

Es sieht so aus, das sich Welten nun aufeinander zu bewegen und verbinden, die immer schon eine wichtige Gemeinsamkeit hatten: Den (Distanz-) Handel.

Wenn es also auch keine bahnbrechenden technologischen Innovationen oder wirklich revolutionäre Konzepte in Düsseldorf zu bestaunen gab – was vermutlich ohnehin nicht der Anspruch war – so kann man auf jeden Fall eine Tendenz und einen Trend ausmachen und mitnehmen: Das Kanal-Thema ist auf dem Weg dorthin und hoffentlich bald durch. Die Branche versteht sich immer mehr als das, was sie aus meiner Sicht immer schon war: Handel. Oder Commerce. Und das Ganze in nahtlos. Oder wie Max Wittrock (mymuesli) sagte: „Wir verdienen Offline Geld, in dem wir Online gehen“.

Das ist doch schon eine ganze Menge, oder?

 

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